Augenblicke der Gegenwart

Was sehen wir in jener Zeitspanne, die wir als Gegenwart empfinden? Wie sieht ein Bild aus, das alle visuellen Eindrücke vereint, die wir in vier Sekunden wahrnehmen? In Fortsetzung meiner bisherigen Arbeit „Vier Sekunden Gegenwart“, wo ich diesen Fragen anhand der Auseinandersetzung mit visuellen Eindrücken von Architektur im urbanen Raum nachgegangen bin, weite ich nun das Konzept aus - hinaus in den ländlichen Raum in und um Clervaux , wo ich auf historische Burgen und neue Strukturen treffe und sich die Zeit zu verlangsamen scheint. Angetan von dieser neuen Langsamkeit beginne ich, den Freiraum zu vergrößern, in welchem wir beim Betrachten die Wirklichkeit in uns stets neu erschaffen und eliminiere die Farben. Für mich war nicht nur spannend zu sehen, wie sich die Bildsprache und Bildästhetik, die sich dadurch konstituiert, dass ich die Kamera meinem Blick vier Sekunden lang konsequent folgen ließ, in der ländlichen Umgebung änderte, mich interessierte insbesondere die Möglichkeit, im Vergleich zu Strukturen in der Großstadt etwas vom Wesen des uns umgebenden Raumes hinter dessen vordergründigem Erscheinungsbild aufzudecken. Das Mittel hierzu war die Derealisation der abgebildeten Wirklichkeit durch meine Vier- Sekunden-Bilder. Mein Anliegen ist, dass sich der Betrachter aufgefordert fühlt, sich mit seinem persönlichen Sehen auseinanderzusetzen, Neues zu entdecken, zwischen den Zeilen zu lesen, ein eigenes Bild der Wirklichkeit entstehen zu lassen. Er sollte sich der Aufgabe ohne Anstrengung stellen können, den Vorgang der Dekonstruktion der Wirklichkeit umzukehren, beziehungsweise in der gedanklichen Rekonstruktion seine eigene Deutung zu finden. Dadurch möchte ich insbesondere auch die Aufmerksamkeit des Betrachters auf das Hier und Jetzt zurückholen.

ANNICK ME YER, Clervaux – cité de l’image a.s.b.l. zur Ausstellung Zeitspannen im Architekturforum Linz:

Vier Sekunden, keine zwei und ebenso wenig drei. Zu viel? Zu wenig? Eins, zwei, drei, vier – und schon vorbei. Aber immer noch im Rahmen der Bedeutung eines “Augenblicks” angesiedelt. Für die Zeit, von der man behauptet, sie stehe niemals still, ein langer Atemzug, in dem sich die Wirklichkeit aufzulösen scheint wie die klaren Linien der Zeichnung in einem Aquarellgemälde. Die Zeit: in ihrem flüchtigen Wesen ist sie unendlich. So kann man sie als Zeuge deuten von der Gestaltung des Raumes, seinen Krümmungen, Schichten, Dimensionen, Wiederholungen, Veränderungen, Zerstörungen und Erneuerungen. Die Bewegung ist fühlbar, die Spuren sind sichtbar – und das in nur 4 Sekunden. Es flimmert, es vibriert, zittert, mehrere Realitäten – verzerrt – finden sich in einem Bild vereint. Gelingt es Claudia Dorninger-Lehner Zeit zu visualisieren? Ihre Fotografien erzählen von etwas Fließendem. Sie beschreibt ein sich ständig wandelndes Phänomen, das ungreifbar bleibt, sich jedoch gleichzeitig erahnen lässt. Gebilde menschlicher Gestaltung zeigen sich geisterhaft, verwischt und unwirklich. Tatsächliche Motive werden aus ihrer Wirklichkeit herausgelöst und sind nur noch bruchstückhaft wahrzunehmen, sie sind nicht vollständig. Die Zeit nagt an Mauern, zerfleddert Flächen und bricht Formen auseinander. Im Licht der kurzweiligen Gegenwart zeigt sie sich gefräßig und gierig.